Das war 2018

Beim 1. Hamburger Preacherslam traten mehrere junge Slammer*innen auf. Eine Auswahl der Auftritte haben wir hier für dich zusammengestellt.

Lukas

Lukas Klette ist Vikar an der Osterkirche in Hamburg-Bramfeld. Daneben betreibt er den „Offenbart Podcast“, den bärtigsten Biblecast der Welt (www.offenbartcast.de), und macht „Luxens Musik“ (www.luxens-musik.de). Lukas Klette ist Vikar an der Osterkirche in Hamburg-Bramfeld. Daneben betreibt er den „Offenbart Podcast“, den bärtigsten Biblecast der Welt (www.offenbartcast.de), und macht „Luxens Musik“ (www.luxens-musik.de).

Letztens musste ich mich beim Kirchengemeinderat vorstellen. „Hallo, ich bin Lukas, der neue Vikar.“ So weit, so einfach. Bei den meisten Leuten ist das ja eine lockere Geschichte – netter Anlass, freundliches Gespräch, schönes Kennenlernen. Aber bei mir nicht. Ich hatte ein Geheimnis zu hüten. Fast wärs mir rausgerutscht. Aber man kann ja nicht einfach da zum Kirchengemeinderat kommen und sagen: „Ich muss euch etwas gestehen. Ich will eigentlich gar nicht so gerne Pastor werden. Eigentlich wollte ich immer was ganz Anderes. Naja, nun ist es so. Machen wir das Beste draus.“ Das kommt ja nicht so gut. Aber verschweigen und flunkern geht natürlich auch nicht. Also hab ich’s gleich zugegeben:
„Ja, es stimmt: Ich wollte mal etwas ganz Anderes werden. Etwas, von dem kaum jemand weiß, dass es das überhaupt gibt. Und ich meine nicht bloß sowas schwer vorstellbares wie Biersommelier, Restauranttesterqualitätsmanagementsupervisor oder Innovationsbeauftragter der Nordkirche. Nein, ich meine einen Job, der unter strengster Geheimhaltung stehen muss, weil die ganze Glaubwürdigkeit einer deutschen Institution mit ihm steht und fällt.“

Da waren die Kirchengemeinderätinnen und –räte, so viel Zeit muss sein, schon ziemlich nervös. Der Protokollant fängt wie wild an, am Protokoll rumzutippen; die Vorsitzende bekommt vor Schreck einen familiären Notfall rein. Da warens nur noch zehn. Aber, was man einmal angefangen hat, muss man auch durchziehen.
„Also gut“, sage ich. „Statt Pastor wäre ich gerne … Gag-Autor bei den Tagesthemen geworden.“ – „Sie meinen, bei der heute-Show.“ – „Nein, bei den Tagesthemen.“
Handgemenge. Die verbliebenen zehn Kirchengemeinderätinnen und –räte verlassen den Raum. Mein Mentor informiert das Kirchenamt.
Und ich? Ich sitze da und träume einmal mehr von meinem Traumjob. Einmal zu den ganz Großen gehören, die Deutschland das Kalauern lehren. Ich sage nur „Abgasskandal“: VW muss einen Gang runterschalten, der DAX legt eine Vollbremsung hin, Porsche fährt einen Schlingerkurs und, besonders deep, Audi hat auf die Vorgaben nicht gehört. Was gäbe ich darum, einmal Mäuschen spielen zu dürfen bei diesen großen Künstlern! Und wenn erst Fußball-WM ist! Da kennen sie die Laufwege, binden Zamperoni und Miosga geschickt ins Spiel ein und schlenzen die News gekonnt aus dem Rückraum ins Eckige. Echtes News-Packing. Da dabei zu sein wäre mir ein inneres Sommermärchen!
Und hier sitz ich nun, ich armer Tropf, und darf nur predigen … Gedankenverloren und etwas emo steige ich in mein car2go und fahre, bis der Kinderzuschlag aufgebraucht ist. Zwei Stunden. Zeit, nach Hause zu gehen. Wann fährt eigentlich der Bus hier in Buxtehude? Ich schaue auf den Plan. Nie. Ok, also zu Fuß weiter. Nach den ersten zehn Kilometern kommt mir ein Gedanke. Vielleicht ist ja noch nicht alles verloren. Vielleicht kann ich mein Talent ja doch noch zu etwas Gutem nutzen!
Ich meine: Geht’s nicht auch bei uns in der Kirche darum, Räume zu eröffnen? Müssen nicht auch wir in der Rückwärtsbewegung flexibel reagieren, damit wir nicht ins Abseits geraten? Müssen nicht auch wir angesichts zahlreicher Geisterspiele im Unterhaus immer besser als Mannschaft agieren. Oha, vielleicht sollte ich mich beim Wort zum Sonntag bewerben.
Jedenfalls dauert der Gottesdienst 90 Minuten und nach dem Spiel ist vor dem Spiel. Das ist so sicher wie das Amen in der Kirche.
Noch so eine Redewendung, denke ich, als ich in der Ferne die Lichter von Neugraben erblicke. Wobei ich mich immer frage, was das heißen soll, „so sicher wie das ‚Amen‘ in der Kirche“. Okay, Google: Wie sicher ist das Amen in der Kirche? „Das NDR-Kirchenlexikon schreibt dazu: ‚Wer das sagt, meint damit: Darauf kannst du dich verlassen. Denn einen Gottesdienst ohne das ‚Amen‘ gibt es nicht.‘“ Ich frage mich, wann die das letzte Mal in der Kirche waren. Meistens kannste das „Amen“ doch übersetzen mit „Ich habe fertig“, „Die Predigt ist durch.“ „Amen“ sagen doch nur Pastorinnen und Pastoren. Den anderen rutscht es doch fast nur noch am Ende vom Vater Unser raus, weil’s irgendwie zum Text gehört.
Dabei heißt Amen nix anderes als „So soll’s sein“ - oder auf Norddeutsch: „jo“. Plietsche Jugendarbeiter würden’s wahrscheinlich übersetzen mit „Yes, I believe“ und ne zweiwöchige Jugendfreizeit draus machen.
3:35 Uhr. Gleich bin ich in Wilhelmsburg. Hätte gar nicht gedacht, dass man hier auf den Gleisen so gut vorankommt, denke ich, während irgendwo ein Fahrdienstleiter aus dem seeligen Schlummern hervorschreckt und panisch die Strecke sperrt. An einem roten Eisenbahnsignal bleibe ich stehen und komme feierlich zu der Einsicht: Das Amen in der Kirche ist nicht mehr sicher. Die Gewissheit ist uns flöten gegangen. Ich höre schon wieder Nietzsche aus dem Grab rufen: „Wie vermochten wir das Meer auszutrinken? Wer gab uns den Schwamm, um den ganzen Horizont wegzuwischen? Was taten wir, als wir diese Erde von ihrer Sonne losketteten?“
Pst Nietzsche! Rasier dir mal den Schnautzer ab und überlass mir das rumprophetisieren! Das Bahnsignal wird grün. Ich halte mich dran und gehe weiter. Da kommt mir eine Idee. Ich zücke das Smartphone und nuschele verstohlen ein paar Zeilen in die Recording App:
Gibt es noch etwas an das wir glauben können? Das wir für wahr zu halten uns erlauben können?
Plötzlich umgibt mich ein helles Licht. Ist das Jesus oder nur ein entgegenkommender Zug? Ich werde aufwärts gezogen, fliege und lande in einem kleinen Saal. Etwa 150 Leute schauen mich an. Vor mir steht ein Mikro. Das ist meine Chance, der Traum wird wahr. Ich fange nochmal von vorne an.
Gibt es noch etwas an das wir glauben können? Das wir für wahr zu halten uns erlauben können?
Können wir antworten mit „so ist es“, wenn Jesus sagt „Amen, amen, ich sage euch“, traun wir uns das zu? „Oder können wir zumindest sagen ‚Ich glaube, hilf meinem Unglauben‘, mit abstrakten Wahrheiten tu ich mich schwer, aber der zu dem ich ‚Amen‘ sagen kann bist du?“
Können wir als Christinnen und Christen zusammen beten ohne noch vor dem „Amen“ miteinander in Konflikt zu treten?
Haben wir den Mut, „Ja und Amen“ zu sagen, wenn man uns braucht? Haben wir den Mut, unseren Glauben zu wagen, auch wenn’s uns schlaucht und die Armen auf den Armen zu tragen, sodass die Welt da draußen sieht, dass unser „Amen“ etwas taugt?
Yes, I believe. Und ich glaube, wir sollten diese Reformation heute an Halloween beginnen, denn das „Amen“ ist too big to fail.
Also sag „Yes, I believe“, wenn du mit mir bist.
Sag „Yes, I believe“, wenn du an Gott glaubst.
Sag „Yes, I believe“, wenn du der Gruppendynamik nicht entrinnen kannst.
Sag „Yes, I believe“, wenn du glaubst das Nietzsche tot ist und Gott lebt.
Sag „Yes, I believe“, wenn du deinen Zweifeln nicht das ganze Feld überlassen willst.
Yes, I believe. Yes, I believe. Yes, I believe. Amen.
Es wird dunkel und wieder hell – der vierte Tag. Also Donnerstag. Ich bin zu Hause. Keine Ahnung, wie ich hierhergekommen bin. Vor lauter Schreck rufe ich direkt meine Mutter an. Mein Mentor geht ran. Oh, falsche Nummer gewählt, stelle ich beruhigt fest. Ich versuche die Wogen zu glätten. Er auch, glaube ich. Er schlägt vor, dass ich nächstes Mal ohne Käppi kommen könnte. Und vielleicht sollte ich nicht jede Aussage aus der KGR-Sitzung direkt auf Twitter verbreiten. Und rasieren wäre auch mal wieder dran. „Und was ist mit dieser Tagesthemen-Sache?“, frage ich. Schweigen in der Leitung. Dann fragt er: „Was meinst du?“ „Hm, muss ich wohl geträumt haben“. Mein Mentor sagt nur „Auf dem Platz warst du voll da. Pastor ist dein Ding“ – „Meinst du?“, frage ich. „Yes, I believe.“

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